Planification des transports adaptée aux enfants

Verkehrsplanung mit Kindern und Jugendlichen: Partizipation als Qualitätsfaktor

12 octobre 2026 | Nadine Junghanns, Child Rights Advocacy UNICEF Schweiz und Liechtenstein

Kinder und Jugendliche sind im Alltag stark vom Verkehr betroffen, werden in der Planung jedoch selten einbezogen. Eine Studie von UNICEF Schweiz und Liechtenstein und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt, dass ihre Beteiligung insbesondere in der Planung der Verkehrsinfrastruktur die Ausnahme bleibt. Gleichzeitig bietet sie einen konkreten Mehrwert für bedarfsgerechte und praxistaugliche Lösungen.

Ein strukturelles Defizit in der Verkehrsplanung

Der öffentliche Raum ist für Kinder kein Durchgangsort, sondern ein zentrales Lebensumfeld. Sobald sie das Haus verlassen, bewegen sie sich im Verkehrssystem – auf dem Schulweg, beim Spielen oder in der Freizeit. Dennoch sind viele Städte primär auf die Bedürfnisse arbeitstätiger Erwachsener ausgerichtet. Für Kinder entstehen «Inseln im städtischen Grau», statt zusammenhängende, sichere Lebensräume.

Genau hier zeigt sich ein strukturelles Defizit der Verkehrsplanung: Eine zentrale Nutzer:innengruppe wird systematisch unterschätzt. Ihre Partizipation ist deshalb kein pädagogisches Zusatzangebot, sondern ein Hebel für bessere Planung – sicherer, funktionaler und lebensnäher.

Status quo: Geringe Beteiligung in der Verkehrsinfrastruktur

Die Datenlage zeichnet ein eindeutiges Bild. Die UNICEF/ZHAW-Studie basiert auf einer Umfrage unter 172 Gemeinden und zeigt: Während über 80 % der Gemeinden Mitwirkungsverfahren für die allgemeine Bevölkerung durchführen, werden Kinder und Jugendliche wesentlich seltener einbezogen. Besonders deutlich wird das Gefälle nach Themen: Von den 75 Gemeinden, die bereits Erfahrungen mit spezifischen Beteiligungsverfahren für Kinder und Jugendliche hatten, nannten 61 Gemeinden Freiflächen oder Spielplätze als Themen. Verkehrsinfrastruktur wurde von 8 Gemeinden genannt. Das entspricht rund 81 beziehungsweise 11 %.

Die Gründe sind bekannt. Genannt werden insbesondere fehlende politische Aufträge, Zeitdruck und die wahrgenommene Komplexität der Themen. Rund ein Drittel der Gemeinden nennt explizit den fehlenden Auftrag als Hauptursache. Das Resultat: Gerade im Verkehr, wo Kinder im Alltag am stärksten betroffen sind, findet ihre Mitwirkung nur selten statt. Dabei ist die Einbindung von Kindern kein freiwilliger Akt. Sowohl das Raumplanungsgesetz (Art. 4) als auch die UN-Kinderrechtskonvention verpflichten Behörden, Kinder einzubeziehen. Fachlich ist der Mehrwert ebenso klar: Kinder sind Expert:innen ihres Lebensraums. Ihre Perspektiven können Bedarfsanalysen verbessen, die Sicherheit erhöhen und zu Räumen führen, die den Alltag der Kinder besser abbilden. Wo sie einbezogen werden, entstehen Räume, die stärker an ihren tatsächlichen Bedürfnissen ausgerichtet sind.

Planung und Alltag besser verbinden

Die Studie zeigt, dass Partizipation von Kindern und Jugendlichen heute in zwei weitgehend getrennten Bereichen stattfindet: in formellen Mitwirkungsverfahren der Planung und in alltagsbezogenen Beteiligungsformen in Schule und Jugendarbeit. Diese Systeme sind bislang nur schwach miteinander verbunden.

Gerade darin liegt jedoch ein erhebliches Potenzial. Schulen erreichen nahezu alle Kinder und verfügen über etablierte pädagogische Zugänge. Sie können Beteiligungsprozesse vorbereiten, übersetzen und reflektieren, während die Bauverwaltung die fachliche Planung verantwortet. Diese Verknüpfung erhöht nicht nur die Reichweite, sondern verbessert auch die Qualität der Rückmeldungen, da Beiträge stärker in den Alltag der Kinder eingebettet sind. Zugleich entsteht ein institutioneller Lerneffekt. Durch die Einbindung von Kindern hinterfragen Verwaltungen ihre eigenen Routinen und Annahmen und entwickeln ihre Praxis weiter. Partizipation wirkt damit nicht nur auf einzelne Projekte, sondern trägt auch dazu bei, bestehende Routinen und Abläufe in der Verwaltung weiterzuentwickeln.

Begehungen vor Ort als Schlüssel zur Praxis

Die Studie zeigt, dass Gemeinden unterschiedliche Methoden einsetzen: Am häufigsten wurden Workshops genannt (80 %), gefolgt von Umfragen (57 %), Begehungen (48 %), direkter Mitarbeit (41 %) und Online-Mitwirkung (31 %).

Für die Verkehrsplanung sind insbesondere Begehungen eine naheliegende Ergänzung: Kinder identifizieren vor Ort Gefahrenstellen und Barrieren, etwa unübersichtliche Querungen oder zu hohe Bordsteine, die in technischen Plänen oft nicht sichtbar sind. Diese Perspektive ergänzt klassische Analysen um eine Nutzungsebene, die im planerischen Alltag häufig fehlt. Der direkte Einbezug hilft zudem, Planungen frühzeitig an den tatsächlichen Bedürfnissen auszurichten. Digitale Formate können diesen Prozess unterstützen, ersetzen jedoch die räumliche Erfahrung nicht.

Ein Blick in die Praxis zeigt, wie dieser Ansatz konkret funktioniert. In der Stadt Aarau konnten Kinder und Jugendliche bei der Erarbeitung von Schulwegkonzepten aktiv mitarbeiten. In einem partizipativen Prozess identifizierten die Kinder und Jugendliche Gefahrenstellen auf dem Schulweg und stellten heraus, welche Orte sie auf dem Schulweg mögen und wo sie sich unwohl fühlen. Daraus entstand ein Ergebnisbericht, aus dem handfeste Massnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit, darunter auch bauliche Massnahmen, abgeleitet wurden. Das Projekt wird für alle fünf Schulkreise in Aarau im jährlichen Wechsel durchgeführt und alle fünf Jahren wiederholt. Das Beispiel zeigt, wie der konkrete Einbezug von Kindern und Jugendlichen sichtbare Ergebnisse und eine echte Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur bewirken kann.

Partizipation als Prozess gestalten

Ein strukturelles Problem zeigt sich im Ablauf der Beteiligung. Kinder werden vor allem in frühen Phasen einbezogen, insbesondere in der Bedarfsanalyse und Ideenentwicklung. In späteren Projektphasen nimmt ihre Beteiligung deutlich ab. 

Partizipation bleibt so häufig auf einzelne Beiträge beschränkt, ohne dass eine kontinuierliche Mitwirkung im weiteren Verfahren stattfindet. Hinzu kommt ein spezifisches Risiko: Planungs- und Bauvorhaben erstrecken sich oft über mehrere Jahre. Ein in der Studie beschriebenes Beispiel zeigt, dass eine vierjährige Zeitspanne zwischen Planung und Umsetzung für Kinder kaum nachvollziehbar war und zu nachlassendem Interesse und Frustration führen kann.

Auch wenn Vorschläge aus technischen oder finanziellen Gründen nicht umgesetzt werden können, müssen diese Entscheide transparent erklärt werden. Ohne diese Rückmeldung entsteht schnell der Eindruck von «Scheinpartizipation». Umso wichtiger sind regelmässige, verständliche Informationen und sichtbare Zwischenschritte – gerade bei langfristigen Verkehrsprojekten.

Ein Gewinn für alle

Die zentrale Erkenntnis ist einfach: Kinderfreundliche Verkehrsplanung ist bessere Verkehrsplanung. Räume, die für Kinder funktionieren, sind sicherer, zugänglicher und lebenswerter für alle Generationen. Partizipation ist kein fakultatives Zusatzprogramm, sondern ein Qualitätsbaustein moderner Planung, sondern ein Qualitätsmerkmal moderner Planung und ein zentraler Bestandteil einer lernenden, zukunftsfähigen Governance.

Voraussetzungen nötig sind, damit Partizipation dauerhaft gelingt. Aus den Ergebnissen wurden konkrete Empfehlungen für Gemeinden und Kantone und weitere Akteur:innen abgeleitet, welche am Ende des Studienberichts und der Kurzfassung zu finden sind.

Weiterführendes Material

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