Bevölkerungsbefragung bestärkt Städte in ihrer Verkehrspolitik
16 juillet 2025 | Jonas Schmid, Geschäftsführer Städtekonferenz Mobilität SKM
Eine Studie von Gfs Bern im Auftrag der Städtekonferenz Mobilität zeigt, dass die städtische Verkehrspolitik im Einklang mit den Bedürfnissen der Bewohnenden steht: Eine Mehrheit der Befragten ist mit der Verkehrssituation zufrieden, befürwortet allerdings mehr Platz für Menschen zu Fuss und auf dem Velo, mehr öV und verkehrsfreie Räume. Anwohnerinnen und Anwohnern von Strassen mit Tempo 20 oder 30 sind zufriedener mit dem Temporegime als solche an Tempo 50-Strassen.
Tempo 30 und weitere verkehrliche Massnahmen werden in der Politik und der Öffentlichkeit intensiv und bisweilen hitzig diskutiert. Aktuelle und umfassende Daten über die Bedürfnisse der Bevölkerung fehlten bisher. Eine breit angelegte Bevölkerungsbefragung im Auftrag der Städtekonferenz Mobilität in 17 Städten und städtischen Gemeinden1 Ende 2024 liefert nun fundiertere Daten zum Mobilitätsverhalten und der verkehrspolitischen Einstellung der Bevölkerung in Schweizer Städten. Die Befragung ist geografisch breit abgestützt und basiert auf einer repräsentativen Stichprobe von über 15'000 Antwortenden. Die Studie wurde nach 2018 bereits zum zweiten Mal durchgeführt. So sind für diverse Städte auch Aussagen zur Entwicklung des Mobilitätsverhaltens und der verkehrspolitischen Meinungen während der letzten Jahre möglich.
1Teilgenommen haben die Kernstädte Basel, Bern, Freiburg, Luzern, Nyon, Schaffhausen, Sion, Winterthur, Zug und Zürich. In den städtespezifischen Auswertungen sind zudem Daten aus den Agglomerationsgemeinden Muri b. Bern, Köniz, Ebikon, Horw, Seuzach, Baar und Cham berücksichtigt.
Eindeutige Antworten auf die Frage nach der Flächenverteilung
Dass die Verkehrspolitik der Städte von einer grossen Mehrheit der Stadtbevölkerung mitgetragen wird, zeigt sich exemplarisch bei der Frage nach den Präferenzen punkto Flächenallokation. Weil in der Realität die Verkehrsflächen nicht unbegrenzt verfügbar sind, mussten die Umfrageteilnehmenden beispielsweise entscheiden, ob sie viel Platz für den rollenden, motorisierten Individualverkehr und Parkplätze zulasten der Flächen für den Veloverkehr bevorzugen oder umgekehrt. Der Frageblock enthielt dieselbe Gegenüberstellung von MIV mit dem Fussverkehr, mit verkehrsfreiem Raum und mit mehr Raum für den öffentlichen Verkehr. Das Verdikt auf die Flächenallokationsfrage ist eindeutig: Klare Minderheiten zwischen 41% und 21% wünschen sich mehr Platz für den MIV auf Kosten von Velo, Zufussgehen, öV und verkehrsfeien Zonen (vgl. Abbildung 1). Eindrücklich ist, dass das Resultat in allen Städten sehr ähnlich ausfällt – von Sion über Basel bis nach Schaffhausen. Am klarsten fällt die Haltung gegen mehr MIV-Flächen in der Stadt Bern aus, mit Anteilen über 75% zugunsten der Nicht-MIV-Nutzungen.
Dass in allen untersuchten Städten die Mehrheiten in der Frage nach den Präferenzen bei der Flächenverteilung so ähnlich ausfallen, ist bemerkenswert, denn die Studie zeigt auch, dass durchaus grosse Unterschiede bei der Nutzung der Verkehrsmittel bestehen. So nutzen in Bern gerade mal 15% der Befragten das Auto regelmässig für den Weg zur Arbeit oder zur Ausbildung, während sich dieser Anteil in der Stadt Sion auf 51% beläuft (vgl. Abbildung 2). Bei den Lösungsansätzen für eine optimale Ausgestaltung der Verkehrsinfrastrukturen scheinen sich die Städterinnen und Städter also ziemlich einig zu sein, unabhängig davon, wie sie aktuell unterwegs sind.
Die Gfs-Studie zeigt auch, dass Stau, ein überlastetes Verkehrssystem und Verkehrsbehinderungen am häufigsten zu Unzufriedenheit mit der Mobilitätssituation führen, gefolgt von mangelnden Parkplätzen. Wenig erstaunlich ist, dass diese Unzufriedenheit in denjenigen Städten am höchsten ausfällt, in denen das Auto eine grössere Rolle spielt. Doch scheinen auch viele Leute, die regelmässig mit dem Auto unterwegs sind, zum Schluss zu kommen, dass ein weiterer Ausbau der Infrastrukturen für den MIV in den meisten Situationen das falsche Rezept ist. Darauf weist hin, dass bei der Frage nach der gewünschten Priorisierung der verkehrspolitischen Massnahmen in praktisch allen Städten weniger als 30% der Befragten mehr Parkplätze im öffentlichen Raum oder in Parkhäusern möchten (vgl. Abbildung 3). Dieser Wunsch landet damit abgeschlagen auf den hinteren Rängen der verkehrspolitischen Prioritätenliste der Stadtbevölkerung. Am häufigsten werden mehr finanzielle Mittel für Grünflächen, den Ausbau der Veloinfrastruktur und für Stadträume, in denen man sich wohl fühlt, gefordert.
Begegnungszonen und Tempo 30 sind breit anerkannte Erfolgsmodelle
Begegnungszonen und Tempo 30 sind für die Städte Schlüsselmassnahmen, damit sichere und attraktive Strassenräume für alle Verkehrsteilnehmende entstehen können. Sie reduzieren den Lärm und fördern eine hohe Aufenthaltsqualität und eine optimale Verkehrsabwicklung. Aktuell gerät Tempo 30 auf Hauptverkehrstrassen auf Bundesebene und in einigen Kantonen allerdings zunehmend unter Druck, trotz der hinreichend belegten positiven Wirkungen. Die Gfs-Studie zeigt auf, dass Begegnungszonen und Tempo 30 einem grossen Bedürfnis der Stadtbevölkerung entsprechen: Knapp 80% der Befragten, die an Strassen mit Tempo 30 oder an einer Begegnungszone (Tempo 20) wohnen, erachten die geltende Geschwindigkeit als gerade richtig (vgl. Abbildung 4). An Tempo-50-Strassen ist das zwar immer noch bei der Mehrheit der Fall, mit 56% ist der Anteil jener, die die geltende Geschwindigkeit gerade richtig finden, deutlich geringer als bei Strassen mit niedrigerer Geschwindigkeit. Zudem Je nach Stadt wünscht sich hier ein Drittel bis die Hälfte der Befragten eine Temporeduktion. Diese Resultate bestärken die Schweizer Städte in ihrer Forderung, dass Tempo 30 innerorts langfristig zur Norm wird, wie dies schon in zahlreichen Orten im benachbarten Ausland der Fall ist. Angesichts der aktuellen Vorstösse gegen Tempo 30 in diversen Kantonen und auf Bundesebene fokussieren sich der Städteverband und die Städtekonferenz Mobilität allerdings aktuell darauf, die bisherigen Regelungen und das Erreichte zu verteidigen.