Touristische Gästelenkung: Zusammenspannen bringt Erfolg
5 juin 2026
Die richtigen Gäste zur richtigen Zeit mit dem richtigen Verkehrsmittel am richtigen Ort: Mit dieser Zielsetzung diskutierten rund 20 Verantwortliche von Tourismusdestinationen, Raumplanungs- und Mobilitätsämtern sowie Verkehrsunternehmen das Thema touristische Gästelenkung. Am Workshop bei der EBP Schweiz AG zeigten sie anhand verschiedener Best-Practice-Beispiele, wie sie sich umsetzen lässt und wo die Erfolgsfaktoren liegen. Dabei zeigte sich, dass der Leidensdruck variiert: Bewährte Konzepte werden noch nicht überall angewendet und die Koordination zwischen entsprechenden Akteuren fehlt häufig – unter anderem, weil die Zuständigkeiten unklar sind oder die Interessen auseinandergehen.
Die Zahlen zum Tourismus in der Schweiz sind eindrücklich: Die Wertschöpfung beträgt 23.8 Mrd. CHF (2024) oder knapp 3% der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung, wobei der Sektor in Berggebieten bis 20% der Wertschöpfung ausmacht. Die Hotellogiernächte nahmen seit 2000 um rund 25% zu und erreichten 2025 mit 43.9 Mio1 einen historischen Höchststand, wobei das Wachstum weltweit noch grösser ist. Einzelne Destinationen registrieren mehr Lo-giernächte von Besuchenden pro Jahr als pro Einwohner:in und beherbergen zusätzlich noch Tagesgäste. Mit dieser Entwicklung sind auch Risiken verbunden.
Der Tourismus bringt Gäste – und Verkehrsprobleme
Die durch den Tourismus verursachten Verkehrsprobleme sind in den Top 3 der wichtigsten touristischen Herausforderungen gemäss einer Befragung aus dem Jahr 2024 (Schweiz Tou-rismus und Konferenz der regionalen Tourismusdirektoren der Schweiz)2, nach der Verteue-rung sowie der Verschmutzung und dem Abfall. Schweiz Tourismus hat erkannt, dass Marke-tingmassnahmen zur Steuerung von Gästeströmen und zum Brechen von Nachfragespitzen zentral sind – und hat die Strategie «Travel Better»3 lanciert: Ein Konzept, das gezielte Touris-mus-Förderung und kluges Lenken in den Vordergrund stellt.
Hitze, Overtourism, und was solche Trends mit dem Verkehr machen
Aktuelle Trends im Tourismusverkehr, mit denen sich EBP Schweiz AG beschäftigt, betreffen beispielsweise die Vermeidung von touristisch überlaufenen Orten aufgrund von steigendem Bewusstsein der Gäste für den kritisierten «Overtourism». Das bringt Vorteile für die entlasteten Hotspots und mehr Nachfrage für alternative Ziele, ist bezüglich Raumplanung, Umwelt und Verkehr aber auch kritisch zu beurteilen, weil bisher «verschonte» Räume intensiver genutzt werden. Der Trend «Coolcations» beschreibt die zunehmende Nachfrage nach kühleren Reise-zielen als Reaktion auf Hitzeperioden. Für die Schweiz eröffnet dies Chancen, insbesondere für alpine Räume, Seen-, Fluss- und Waldlandschaften sowie gut erreichbare Sommer- und Ganz-jahresdestinationen. Aus Sicht von Raumplanung, Umwelt und Verkehr ist der Trend jedoch nur dann positiv, wenn die zusätzliche Nachfrage gezielt gelenkt, zeitlich und räumlich verteilt und mit dem öffentlichen Verkehr verknüpft wird. Ohne aktive Steuerung drohen zusätzliche Belas-tungen in bereits stark frequentierten Hotspots. Gleichzeitig können klassische Hitze- oder Win-tersportdestinationen durch Nachfrageverschiebungen unter Druck geraten.
Ähnliches gilt für die Verschiebung von Reisezeiten in die Nebensaison oder die Zunahme von Ganzjahresdestinationen, was Auslastungssteigerung und Wachstum ermöglicht, aber insbesondere Destinationen mit vielen Familienbetrieben vor grössere betriebliche Herausforderungen stellt. Verkehrlich können sich die Hauptsaison-Spitzen reduzieren, es besteht aber das Risiko, dass die Anreise mit dem Auto in der Nebensaison wieder attraktiver wird, weil der ÖV dann oftmals eingeschränkt wird. Schweiz Tourismus reagiert in der Strategie 2026-2028 mit der Zielsetzung einer stärkeren zeitlichen und räumlichen Diversifikation von Gästeströmen sowie einer Erhöhung der Aufenthaltsdauer.
Was ist richtig, und wer lenkt?
Solche Trends zu antizipieren und die Gäste und den Verkehr so zu lenken, dass negative Auswirkungen gering bleiben, ist eine Netzwerkaufgabe von Gemeinden, touristischen Leistungsträgern, Verkehrsbetrieben, DMOs sowie von Kantonen und dem Bund und daher sehr anspruchsvoll. Nicht immer gehen die Interessen in die gleiche Richtung. Die verschiedenen Dimensionen der Gästelenkung sind aufeinander abzustimmen: räumliche Lenkung, zeitliche Verteilung, Verkehrsmittelwahl und Sensibilisierung.
Bezüglich dieser Aspekte und der Zielsetzung von verkehrlicher Gästelenkung («Die richtigen Gäste zur richtigen Zeit mit dem richtigen Verkehrsmittel am richtigen Ort») stellt sich die Frage, was «richtig» ist und wer überhaupt lenken kann. Diese zwei Aspekte diskutierten rund 20 Verantwortliche von Tourismusdestinationen, Raumplanungs- und Mobilitätsämtern sowie Verkehrsunternehmen am Workshop bei EBP Schweiz AG anhand von Beispielen verschiedener Regionen.
Graubünden: Dank Echtzeitdaten Gästeströme voraussagen
Zwei Beispiele aus dem Kanton Graubünden illustrieren, dass schon viel gemacht wurde, die Synergien aber noch besser genutzt werden könnten. An verkehrsintensiven Spitzentagen sperrt der Kanton in Absprache mit dem Bund und auf Wunsch der Gemeinden einzelne Aus-fahrten entlang der Strasse durch das Prättigau, damit kein Ausweichverkehr durch die Dörfer fliesst4. Die Prognose, wann diese temporären Massnahmen aktiviert werden müssen, stützt sich primär auf Erfahrungswerte (Wetter, Ski- oder Wanderbedingungen, Feiertage, Sportveranstaltungen, etc.), jedoch noch nicht auf die Daten, welche aus einem parallellaufenden Projekt in Davos seit einigen Jahren in Echtzeit erhoben werden. Diese «Applied Tourism Intelligence» (API)5 verbessert die Erlebnisqualität in der Tourismusdestination, und zwar durch Kapazitätsmanagement mittels Datensammlung, Analyse und Visualisierung von Gästeverhalten. Das Ziel des Projekts ist es, Über- oder Unterkapazitäten zu gewissen Zeitpunkten an unter-schiedlichen Standorten in der Destination wie auch bei touristischen Leistungsträgern zu er-kennen, zu analysieren und basierend darauf Prognosen zu erstellen. Mittels datenbasierter Vorhersage der zu erwartenden Gästezahlen wird ein gezieltes Kapazitätsmanagement mög-lich, welches sich positiv auf die Auslastung, den Gesamtertrag und die Angebotsentwicklung auswirkt. Die generierten Daten werden derzeit aber noch wenig und mehrheitlich lokal genutzt. Dies führt u.a. dazu, dass der Kanton zur Sperrung der Strasse heute (noch) nicht darauf zu-greift, und die Lenkung der Gäste noch nicht mit der Überlast auf der Strasse abgestimmt ist.
Berner Oberland: zum Ausweichen und Umsteigen motivieren
Beispiele aus dem Berner Oberland verdeutlichen die Bandbreite von möglichen Interventio-nen. Interlaken sensibilisiert und lenkt mit der neuen App «Interlaken Guide»6 seine Gäste kleinräumig um sensible Wohn- und Ruhezonen und motiviert sie, diese Gebiete nicht zu begehen. Befragte Gäste schätzen es, in ihrer Sprache über lokale Gepflogenheiten informiert zu werden. Gleichzeitig steht ein direkter Kommunikationskanal zur Verfügung, womit wertvolle Daten zum Verhalten der Gäste gesammelt werden. Diese sollen künftig in einem integralen DataHub zur Analyse, verstärkten Lenkung und Weiterentwicklung des touristischen Angebots genutzt werden.
Eine grossräumigere Lenkung erzielen die Jungfraubahnen mit der neuen Park+Ride-Anlage in Matten. Mittels eines Parkleitsystems und attraktiven Preisen resp. Kombi-Angeboten werden die mit dem Auto anreisenden Gäste bereits kurz nach Interlaken motiviert, auf die Jungfraubahn umzusteigen. Die Nutzung hat sich seit der Inbetriebnahme im Jahr 2023 fast verdoppelt; entsprechend wurde die Strasse nach Grindelwald und der Ort selbst stark vom Autoverkehr entlastet. Die Finanzierung war aber auch in diesem Beispiel eine Herausforderung; erfolgsfördernd ist, dass die Bergbahnen und die Berner Oberlandbahnen in einer Betriebsgesellschaft zusammengeschlossen sind und damit die gleichen Interessen verfolgen. Erschwert ist jedoch ein kurzfristiger Einsatz von Entlastungszügen wegen langwierigen Fahrplanverfahren. Die Planung basiert auf längerfristigen Erfahrungswerten und nicht auf Echtzeitdaten.
Tessin: Gratis ÖV ab einer Übernachtung
Das umfassendste und wohl auch bekannteste Beispiel ist das Ticino Ticket. Mit Eröffnung vom Gotthard- und später Ceneribasistunnel hat der Kanton Tessin die Chance erkannt, den bisher dominierenden Autoverkehr von Gästen ins und im Tessin zu reduzieren. Seit 2017 fahren Gäste ab der ersten Übernachtung im ganzen Tessin gratis mit dem ÖV und geniessen Ermässigungen in über 170 Attraktionen. Regelmässige Umfragen zeigen, dass der ÖV deutlich mehr genutzt wird, und dass auch abgelegenere Regionen des Tessins mehr besucht werden – was auch ein Ziel war und ist. Die Finanzierung über die Kurtaxe ist aber eine Herausforderung, gerade weil die ÖV-Nachfrage immer mehr steigt.
Fazit
Gästelenkung hat grosses Potenzial. Sie kann das Erlebnis für Besuchende verbessern, die lokale Bevölkerung in Tourismuszentren entlasten, Umwelt und Klima schonen und zugleich lokale Wertschöpfung sichern. Welche Massnahmen im konkreten Fall richtig sind, lässt sich jedoch nicht pauschal beantworten. Je nach Ort, Ausgangslage und Stakeholderperspektive fallen die Interessen unterschiedlich aus.
Um möglichst viel zu gewinnen und möglichst wenig zu verlieren, müssen Lösungen vor Ort gemeinsam mit allen Beteiligten entwickelt, diskutiert und umgesetzt werden. Dazu gehören Tourismusorganisationen, Leistungsträger, Gemeinden, Kantone, Transportunternehmen, Bevölkerung und weitere Anspruchsgruppen. Letztlich wird es auch immer politische Entscheide brauchen. Die positiven Beispiele und das vorhandene Potenzial zeigen jedoch: Der Aufwand lohnt sich.
Auch Schweiz Tourismus hält im Zusammenhang mit der «Travel Better»-Initative fest, dass sich das Aufgabenspektrum des Tourismusmarketings verändert hat. Reine Nachfrageförderung reicht nicht mehr aus, um die Qualität und Akzeptanz des Tourismus langfristig zu sichern. Es braucht zusätzliche Steuerungselemente, welche die Nachfrage gezielt lenken und eine ausgewogene Balance zwischen Förderung und Lenkung schaffen. Ziel ist es, die richtigen Gäste zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu führen.
Die Diskussionen im Rahmen des Workshops haben gezeigt, dass diese Logik konsequent weitergedacht werden sollte: Nicht nur der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt sind entscheidend, sondern auch das richtige Verkehrsmittel. Die regionalen Beispiele haben eindrücklich belegt, welchen Mehrwert integrierte Ansätze an der Schnittstelle von Tourismus, Verkehr, Raum und Daten schaffen können.
Autor:innen
Cornelia Rutishauser, Eidg. dipl. Tourismus-Expertin, Marktfeldleiterin Tourismus bei EBP Schweiz AG
Frank Bruns, Diplom-Volkswirt, Partner und Teamleiter Verkehrswirtschaft von EBP Schweiz AG
Fabienne Perret, dipl. Ing. ETH / Verkehrsingenieurin SVI, Partnerin und Leiterin Geschäftsbereich Verkehr von EBP Schweiz AG